Bettina Meyer
Form 2
1999 Parafin
Höhe 110 cm
Bettina Meyers Skulptur für die Pfarrkirche in Eggerode
bezieht ihren Reiz aus der Ambivalenz zwischen reiner
abstrakter Form und einer Vielzahl beabsichtigter
inhaltlicher Assoziationen. Es ist eine sehr organische,
weiche und doch in sich geschlossene Form aus gelblichem
Kerzenwachs, die fragil auf einer der Kniebänken steht.
Ihre Position scheint weniger durch die Bearbeitung
der Künstlerin als vielmehr durch die dem Wachs eigene
Wärmeempfindlichkeit entstanden zu sein, etwa so,
wie sich die Kerzen der Eggeroder Wallfahrer in der
Hitze der Kapelle verformen. Aber natürlich hat
Bettina Meyer diese Form bewußt auf eine Weise ge-
staltet, daß wir sie gleichermaßen als überdimensionale
Frucht, als Gefäß oder als eine in völliger Kontemplation
verharrende menschliche Figur sehen können. Erst dieser
Moment der Irritation führt dazu, daß wir nicht nur
das Abbild eines Betenden wahrnehmen, sondern zu
Reflexionen über Form und Ausdruck angeregt werden.
Die Form läßt sich umrunden, von allen Seiten betrachten,
ja sogar berühren, ohne daß sie etwas von ihrer absoluten
Verschlossenheit, ihrer in sich ruhenden Schwere
preisgeben würde. Und doch überträgt sich wärend
dieses Vorgangs die von der Figur ausgehende Stimmung
unwillkürlich auf den Betrachter; das Schauen wird
selbst zum meditativen Prozeß. So hat diese Skulptur,
die durchaus auch abseites sakraler Zusammenhänge
denkbar ist, ihren nicht nur formal, sondern auch
inhaltliche gerechtfertigten Platz in der Kirchenbank.
Sigrun Brunsiek
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