Intercarnation - Installation und Folienmalerei von Enrico Niemann

Galerie ARTAe Leipzig , 7.12.2007 9.02.2008
Eröffnung: Freitag, 7.12.2007, 18 - 21 Uhr
Einführung um 19 Uhr: Nancy Hünger, Autorin, Erfurt


       
v.l.n.r.: Flächenstück / fragments / Farbkörper und Trans


       
Farbkörper 1 und Trans / Kohärenz / Farbkörper 2



Das sublimierte Fleisch

Nichts Ursprünglicheres ist in der Kunst zu denken, als der Körper, der Leib, der Leibes-Körper.
Mit seinen Fasern und Fetzchen, gestreuten Wunden, dem Knittrigen, Gedunsenen, dem Weichen und
Harten: den Malen des Fleisches. Auch ist kein sinnlicheres Sujet denkbar, als die vulgäre oder
ästhetische Ausformung des Innen - Menschen.

Um so schwerer sich nicht auf die Wiederholung, das Wiedergekäute, Wiedergemalte zu stützen, sondern
noch einmal und erneut zu erfinden, was immer nur meinen kann, eine Unbekannte hinzuzufügen, ins Spiel
zu bringen, das Ungedachte, nennen wir es ruhig das Geheimnis (Baudrillard), wenn nicht einsehbar und
transparent zu machen, so doch eine Ahnung dessen zu vermitteln. Um nichts weniger geht es dem Künstler
Enrico Niemann.

Viel lieber diaphan als transparent, nenne ich die Kunst des Enrico Niemann, diaphan, weil es um ein
poetisches, wenn auch aufgeklärtes Scheinen und Durchleuchten geht. Bei ihm ist der Körper (Leib),
vom Trug gelöst, kein unversehrtes ganzes mehr, sondern brüchiges Fragement: Fremdkörper und zuweilen
hässlich und fehlerhaft. Das Ideal tritt bei Niemann einzig als flüchtiges Oszillieren von Farbe und
Licht auf, das auch den plumpesten Körpern eine ganz anmutige Leichtigkeit/ Leiblichkeit verschafft.

Auf Folien ist der Innen-Mensch aufgezogen, aufgetragen, entkörpert und wird zum konvulsiven und ästhetisches
Spiel zwischen den fleischlichen Tönen, auch entortet ist er, denn was Innen war, ist nun, fast gewaltsam
nach Außen gestülpt, verzehrt und verzogen und hängt gelegentlich in Schlächtermanier von der Decke.

Bewegt man sich zwischen den Leibern, den Werken des Enrico Niemann, stößt man unweigerlich auf neuralgische
Punkte, man bewegt sich auf die Schindung des Marsyas zu und weiter noch zum gläsernen Menschen, auch zur
Frage nach dem schönen Menschen, dem Leib gewordenen Ideal, rein und so sauber, so unecht wie die Folien
die Niemann verwendet. Letztendlich gründet sich das Erstaunen über die Arbeiten Niemanns nicht einzig in
der ästhetischen Wirkung (die wohl gemerkt kein einfaches wohlgefälliges Scheinen ist, sondern aus dem
klassischen Paradox zwischen Erhabenheit und dessen Gegenteil, ihre Kraft bezieht), sondern vielmehr in der
Leichtigkeit, mit den grundsätzlichen Fragen der Lebensbegabung zu handeln, ohne diese den Werken durch ein
monströses Konzept künstlich einzuverleiben. Vieles ist eingedacht und bringt sich poetisch-enigmatisch zur
Sprache, wird Fleisch.

Nancy Hünger, Autorin, Erfurt


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