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Statement zu den Kühlschrankbildern / 2010

Mandolinenfieber / Marian Elsner / 2010

Schleipziger HS / Marian Elsner / 2007

Außer Tresen nix gewesen / Arno Bojak / 2006

Das Metulczki-Mysterium / Dr. Jutta Lindemann / 2006

Laudatio von Dr. Matthias Liebel / Kulmbacher Kunstverein / 2011

 

Sehr geehrter Herr Hofmann, verehrte Mitglieder und Freunde des Kulmbacher Kunstvereins, meine sehr geehrten Damen und Herren,

daß Metulczki einige seiner Werke heute hier in Kulmbach zeigt, der weit über die
bayerischen Landesgrenzen hinaus bekannten Bierstadt, scheint mir beinahe schicksalhaft, denn das große Leitthema des Künstlers ist – Sie haben es längst
erkannt – „Bier“; und zwar „Bier“ mit all seinen sozialen gesellschaftspolitischen
und kulturellen Implikationen. Metulczki – er heißt nicht wirklich so, aber er nennt
sich so, und dabei wollen wir’s auch belassen – wurde 1971 im thüringischen
Schleiz geboren, lebt und arbeitet jedoch in Leipzig und verbindet in einem seiner berühmten Wortspiele Schleiz und Leipzig zu der griffigen Formel „Schleipzig“.
„Schleipzig“ ist nicht nur „Schleiz“ und „Leipzig“ in einem, sondern ist der ganze
Kosmos um Metulczki herum und steht in diesem Sinne metaphorisch für die Welt,
in der wir alle uns bewegen.
Wir kennen diesen Ansatz von Jörg Immendorff, der in den 70er und 80er Jahren
mit seiner Serie „Café Deutschland“ die politische Situation der geteilten und
später wiedervereinigten Republik auf einen einzigen großen Gastraum mit Thresen,
Biertischen und prominenten Gästen verdichtete. Mit Jörg Immendorff, dem
Rheinländer, verbindet Metulczki noch ein Weiteres: nämlich die Vorliebe für eine
gegenständliche, im Falle von Metulczki manchmal geradezu hyperrealistisch
detailgenaue Malweise, die heute – insbesondere dann, wenn es sich um einen
Leipziger Künstler handelt – gerne im Fahrwasser der sog. „Leipziger Schule“
gesehen wird, tat-sächlich jedoch in der Tradition der niederländischen
Stilllebenmalerei sowie in der Historienmalerei und der Malerei des Realismus des
19. Jhds. ihre stilgeschichtliche Wurzeln findet. Diese gegenständliche, bei
Metulczki mitunter fotorealistische Bildsprache überrascht, zumal wenn man weiß,
daß der Künstler, vom schulischen Zeichenunterricht einmal abgesehen, das Malen
nie wirklich erlernt hat. Er hat nie eine Akademie von innen gesehen und nie
irgendwelche Kurse besucht. Metulczki ist Autodidakt, und das ist auch gut so,
wie er meint, denn eine staatliche Kunsthochschule hätte seiner Kreativität
vermutlich eher geschadet als genutzt. Und so begann er vor nicht ganz zehn
Jahren seine freiberufliche Tätigkeit als Künstler ohne akademische Ausbildung –
ganz auf sich selbst gestellt, vor allem aber ganz aus sich selbst heraus, ohne
dabei irgendwelchen Lehrmeistern oder Vorbildern nachzueifern. Vielleicht ist
gerade dies der Grund dafür, daß die Kunst von Metulczki so originell ist und,
abseits modischer Trends, so einzigartig.

Was Metulczki auf seinen Bildern zeigt sind collageartig arrangierte Versatzstücke
der sichtbaren Wirklichkeit, die der Künstler, manchmal gepaart mit abstrakten
Konnotationen, durch ungewöhnliche motivische Kombinationen in neue inhaltliche
Zusammenhänge bringt. Nicht nur Bier an sich ist das Thema seiner Bilder, also
stilllebenartig arrangierte Darstellungen von Flaschen, Krügen und Gläsern,
angeordnet auf Fensterbänken oder auf Tischen mit Kerzen und Büchern, sondern
vor allem die Darstellung Jener, die Bier trinken: bürgerliche Wirtshausgäste,
studentische Kneipengänger aber auch soziale Randexistenzen wie Tippelbrüder
oder schwere Alkoholiker. Auf diese Weise decken die Gemälde des Künstlers ein
breites thematisches Spektrum ab, das von bourgeoiser Feierstimmung, illustrer
Partylaune und geselligem Miteinander bis hin zum Trunkenheitsschlaf und zur
sozialen Verelendung reicht. Dabei gibt es keinen Aspekt, der mit Bier zu tun hat,
so scheint es, den Metulczki auf seinen Bildern nicht berücksichtigen würde.
Die großformatigen Leinwände führen dem Betrachter diese inhaltlichen Ansätze in
quirliger Buntheit auf breit angelegten Kompositionen vor Augen. Sie bringen
überwiegend kriti-sche Inhalte zum Ausdruck und zeigen in individueller Porträt-
haftigkeit nicht selten einfache Arbeiter, Hartz-IV-Empfänger oder Obdachlose auf
durchgesessenen Sofas, Parkbänken oder in dem verwahrlosten Idyll einer billigst
möblierten Kleingartenanlage. Sie trinken ihr Bier aus der Flasche, eher aus
Langeweile und aus Understatement, wie es scheint, als aus genießerischer Freude
an dem vollmundigen Geschmack des feinherben Gebräus. Manche blicken
selbstgenügsam und – im wahrsten Sinne des Wortes – „bierselig“ dem Betrachter entgegen, andere befinden sich im stummen Nebeneinander zu ihrem Sitznachbarn,
wieder andere wirken ausgemergelt und sind deutlich vom Leben und von ihrer
Trunksucht gezeichnet.

Doch bei diesen hauptfigürlichen Motiven alleine bleibt es nicht: Die Protagonisten
dieser Bilder sind eingebunden in baustellenartig verstellte Umgebungen mit
Holzlatten, Gerüststangen, maroden Mauerresten und Tornistern, von denen wir
nicht eindeutig befinden können, ob es sich um säurehaltige Behältnisse handelt
oder um stählerne Bierfässer. Bisweilen wandern anonyme Personen in bürgerlicher
Kleidung durch’s Bild, oft aber werden – vom Künstler ausdrücklich als Repoussoire-
Motiv verstanden – auch monumentale Zusatzfiguren wiedergegeben, die als
fotografisches Poster das abgehalfterte Idyll hinterfangen oder die, mit der Foto-
kamera oder einem Fernglas bewaffnet, vom Vordergrund der betreffenden
Darstellungen aus die Biertrinker aufmerksam, bisweilen gar sensationsgierig
beobachten. Ein wenig erinnern diese Zuschauer an die Besucher in einem Zoo, und
die Biertrinker werden – ähnlich wie für den Bildbetrachter auch – zu den
exotischen Objekten ihrer Beobachtung. Damit geraten die meist in Rückenansicht
wiedergegebenen „Repoussoire-Figuren“ zu einer Bildeinführungsfigur, die zwischen
den weiteren Tiefen des Bildraums und dem Realraum des Betrachters vermittelt und
– ganz im Sinne des psychologischen Prinzips der „thematischen Apperzeption“ – zu
einer Art „Identifikationsfigur“ für den Betrachter wird: Wir, die Bildbetrachter,
werden durch die glotzenden und gaffenden Rückenfiguren am Bildanfang gewisser-
maßen stellvertretend repräsentiert. Die Kritik des Künstlers richtet sich nicht nur
gegen die geschilderten sozialen Verhältnisse, sondern sie richtet sich – zumindest
implizit – zugleich auch gegen die Sensationsgier und die Schaulust des Betrachters.
Manchmal ist es aber auch ein staunendes Kind, das die facettenartig zusammen-
gesetzte Komposition wie die Schaufensterauslage eines Spielwarengeschäftes betrachtet. Doch was dieses Kind – und mit ihm der Betrachter dieser Bilder – zu
sehen bekommt, ist keine heile Teddybären-Welt, sondern ist die harte soziale
Wirklichkeit am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Wenn ich eben die kaleidoskopische, collageartige Buntheit der Motive dieser
großformatigen Leinwände konstatierte, so findet das Arbeitsprinzip der Motivcollage
in der deutlich kleinerformatig ausgeführten Serie der „Kühlschrankbilder“ seine
ganz unmittelbare gestaltungstechnische Entsprechung. Dort sind es tatsächlich
fotografische Ablichtungen (übrigens nicht selten jene Ursprungsmotive, nach denen
Metulczki seine großformatigen Leinwände geschaffen hat), die der Künstler auf
anfangs flächig grundierte, anschließend scheren-schnittartig mit weiteren
ikonographischen Versatzstücken übermalte und zuvor oder hernach mit zahlreichen
Lagen pigmentversetzter Acrylbinderschichten überzogene Leinwände applizierte.
Diese halb transparenten, durch die eingebrachten Pigmente milchig trüb
erscheinenden wachsartigen Schichten lassen das collageartig eingebundene
fotografische Motiv unter der sfumatös schimmernden, eine frostige Atmosphäre
verbreiteten Lage eskamotieren – nicht vollständig, sondern so, daß das figürliche
Motiv noch immer zu erkennen ist und einen eigentümlichen Kontrast zu den darüber
gelegten floralen, verfleckten oder figürlichen Sujets ausbildet. Diese Bilder als
„Kühlschrankbilder“ zu betiteln bringt begrifflich zum Ausdruck, worum es dem
Künstler bei diesen Darstellungen geht: um Kälte, um eine frostige Atmosphäre, die
natürlich nicht meteorologisch gemeint ist, sondern sozial. Auch hier sind es
Angehörige der Unterschicht, die Metulczki zeigt. Er stellt diese Personen in sozialer
Isoliertheit oder im stumpfsinnigen Nebeneinander dar: Tippelbrüder, Alkoholiker,
Gestrandete des Lebens, die sich aus ihrer soozialen Stigmatisierung heraus nach
Geborgenheit, repräsentiert in blumig wachsenden Efeuranken, und nach ihrer unbekümmerten Kindheit zurücksehenen – eine Kindheit, die in motivischem
Antagonismus durch scherenschnittartig wiedergegebene Mädchen in adretten
Röcken und spielerischen Ausdrucksbewegungen verkörpert wird.

Weniger pessimistisch nehmen sich die ebenfalls auf vergleichsweise kleinen Formaten
ausgeführten, jetzt mit einer glasklar glänzenden Schellackschicht überzogenen
Leinwände aus der Reihe „Bierleben“ aus. Dort vertritt der Künstler, wie er es nennt:
einen „klassischen und romantischen Ansatz“. Zu sehen sind bürgerliche Zusammen–
künfte in Wirtshäusern oder in heimischen Wohnstuben, vor allem aber stilllebenartig
arrangierte, dabei bisweilen extrem nahansichtig wiedergegebene Ausschnitte von
Biertischen mit Gläsern, Flaschen und sonstigen Utensilien. Diese Darstellungen
stehen in der Tradition der Stilllebenmalerei des 17. und 18.Jhs. und zeigen nicht
selten jenes charakteristische Hell-Dunkel, mit dem insbesondere niederländische
Künstler, später dann auch Vertreter des italienischen und des französischen Barock
einst so berühmt geworden sind.
Gerade die Darstellung von Gläsern und Flaschen, auf deren Oberflächen sich
Lichtreflexe spiegeln oder durch die hindurch sich die motivisch besetzten Hinter-
gründe in perspektivischen Brechungen fortsetzen, spielt in diesem Genre von jeher
eine herausragende Rolle und war für viele Künstler nicht selten als Referentialmotiv
gedacht, mit dem sie ihr handwerkliches Können unter Beweis stellten. Auch die halb vollen Biergläser auf den Gemälden von Metulczki sind mit dem Kerzenlicht, das auf
sie trifft, oder mit der schummrigen Beleuchtung, der sie in finsteren Kneipen
ausgesetzt sind, solch ein Beleg für sein außergewöhnliches handwerkliches Können.
Ich möchte an dieser Stelle nochmals daran erinnern, daß Metulczki kein aka-
demischer Maler ist! Die Art und Weise, wie der Schaum eines abgestandenen
Glases noch an dessen Innenwand haftet, und der goldgelbe Schimmer, mit dem sich
der Gerstensaft in zahlreichen Valeurs von Weiß über sämtliche Gelb- und Orangetöne
bis hin zu einem fast schwarzen Vandyckbraun in seinen blau-grau schimmernden
Gläsern entfaltet, läßt diese Gemälde so naturalistisch erscheinen, daß wir beinahe
hinfassen möchten, um das Glas zu ergreifen. Die Perspektiven sind dabei nicht
selten so gewählt, daß der Betrachter glaubt, er befände sich selbst in der
umräumlich angedeuteten Kneipe vor eben jenem halb vollen oder halb leeren Glas.
Die Funktion, die auf den eingangs erwähnten großformatigen Gemälden die
Repoussoirfiguren inne hatten, wird jetzt, auf den kleinformatigen „Bierleben“
-Bildern, der Perspektive zugeschrieben: Sie dient als Identifikationsplatform
und dazu, den Betrachter in die dargestellte Szene unmittelbar einzubeziehen.

Sie sehen, wie vielfältig sich das bildnerische Schaffen von Metulczki ausnimmt, und
welch unterschiedliche inhaltliche Aspekte der Künstler dabei abdeckt – Aspekte,
die von Gesellschaftskritik und faktischer Wirklichkeitsschilderung über Ironie,
manchmal auch Selbstironie, bis hin zur sozialromantischen oder auch einfach nur
genußfreudigen Verklärung reicht. Wer hätte gedacht, daß ein einziges Thema
(„Bier“) ein so breites inhaltliches Spektrum liefern würde, und wer hätte gedacht,
daß einem einzigen Künstler so viele unterschiedliche inhaltliche Ansätze zu
diesem Thema einfallen.
Ich schätze, wir können sicher sein, daß der Künstler sein Ideenrepertoire noch lange
nicht erschöpft hat; und so dürfen wir in Zukunft bestimmt noch mit weiteren,
möglicherweise ganz anderen thematischen Anknüpfungspunkten rechnen. Bis dahin
wünsche ich Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren, eine spannende
Begegnung mit den Bildern von Metulczki und dieser Ausstellung einen guten Erfolg.

© 2011 Dr. Matthias Liebel (Kunsthistoriker), Bamberg





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