Materie und Substanz - Ein Blick auf Friedemann Grieshabers Skulpturen
Material and substance - A look at Friedemann Grieshaber`s sculptures / Matthias Flügge/ 2009

English version is coming soon

Wolkenheim
Dorothea Ullrich
  Friedemann Grieshaber (*1968 in Ravensburg) zeigt mit "Wolkenheim", in der Galerie
Artae erstmals eine monographische Ausstellung in Leipzig. Grieshaber arbeitet haupt-
sächlich skulptural mit den Materialien Beton und Bronze. Aber auch Zeichnungen, die
einen weiteren Teil seiner Arbeit ausmachen, werden in der Ausstellung zu sehen
sein.

Merkmale seiner Arbeiten sind Zurückhaltung und Reduktion im Bezug auf Material
und Farbe, der Komplexität und Vielschichtigkeit hinsichtlich seiner Konzeption
sowie den Wahrnehmungsmöglichkeiten, die seine Arbeiten erschließen, gegenüber-
stehen.

Beschreiben lässt sich dies am Besten an einem Beispiel. Grauer Torso (2000) ist
eine monolithische Figur, die auf den ersten Blick in der Tradition minimalistischer
oder auch kubistischer Skulpturensprache stehen könnte, was für viele von Gries-
habers Arbeiten zutrifft. Die Figur ist aus roh gegossenem Beton und erinnert an
Treppenstufen, die senkrecht nach oben führen. Doch sind es wirklich Treppen-
stufen? Wenn ja, wo führen sie hin? In das angekündigte Wolkenheim? Der Titel
der Figur eröffnet andere Assoziationen. Und tatsächlich kann der an klassischen
Figuren geschulte Blick Parallelen, zumindest Verwandtschaften zu einem nach dem
menschlichen Körper gebildeten Torso feststellen: Mit der Schwere, der schein-
baren Bewegtheit, dem Spiel von Kräften und Balance sowie der trotz des "kalten"
Materials warm und lebendig erscheinenden Oberfläche werden hier Formen
erkennbar, die auch für klassische Beispiele dieses Skulpturengenres gelten.
Den Torso von Friedemann Grieshaber als Körper, sowohl im physischen als auch
im physikalischen Sinn, zu bezeichnen, erscheint nicht weit hergeholt. Dass ein
solcher Körper stets in Bezug zum Raum tritt, erscheint als Teil eines Gesetzes.
Dieses Gesetz macht sich auch Friedemann Grieshaber zueigen. Die Beziehung
zwischen Körper und Raum spielt in seinen Arbeiten eine wesentliche Rolle.
Genau wird darauf geachtet, wie die Figuren für den Blick des Betrachters
positioniert sind, einzeln, aber auch im Zusammenspiel, wenn mehrere seiner
Figuren zu einem Szenario wie dem in dieser Ausstellung zusammen kommen.

Doch zurück zu zwei Begriffen, die weiter oben fielen: Treppe und Heim. Beide
Begriffe verweisen auf Architekturen. Auch das Verhältnis von Architektur und
Skulptur ist eines, das sich als Thema durch Friedemann Grieshabers Arbeit
hindurchzieht. Deutlich wird dies in Arbeiten wie Wolkenheim (2006), die der
Ausstellung den Titel verleiht, oder Gedrücktes Haus (2000), aber auch auf
assoziativer und fragmentarischer Ebene wie z.B. im Grauen Torso. Die
Auseinandersetzung mit Architektur, speziell antiker, archaischer und
romanischer Architektur, begann bei ihm bereits früh. Und Grieshaber reiste nach
dem Abschluß seiner Steinmetzlehre durch Israel und Ägypten, was ihn nachhaltig
prägte. Gerade Bauformen wie die einfacher Lehmhütten oder auch der Pyramiden
spiegeln sich in seinen in ihrer Formsprache eher an archaische als an
moderne Architekturen erinnernden Arbeiten wieder.

Mit dem Titel "Wolkenheim" - sowohl im Bezug auf die einzelne Arbeit als auch auf
die gesamte Ausstellung - eröffnet sich eine weitere, in diesem Fall sinnliche und
poetische Ebene, die neben der konzeptuellen ein weiteres Merkmal von Grieshabers
Arbeiten darstellt. Sinnlichkeit gelingt ihm im Wesentlichen über seinen Umgang
mit dem Material, dem Verhältnis von Massen und Proportionen und der Balance, die
er zwischen Innen und Außen, Haut und Kern, Hinzufügen und Wegnehmen stets findet.

Doch was nun ist das Wolkenheim? In der Skulptur sehen wir ein Haus, das zwischen
Wolken steht, die, wenn auch aus Beton gegossen, keinen Eindruck von Schwere
vermitteln. Im Gegenteil, der Titel lässt an Begriffe wie Leichtigkeit und Flüchtig-
keit der Form denken, eben an Häuser, die irgendwo im Himmel schweben. Friedemann
Grieshabers Figuren mit ihrer scheinbaren oder auch tatsächlichen Schwere scheinen
in ein solches Szenario auf den ersten Blick nicht hineinpassen zu wollen – oder doch?
Wo kann man sich die »Häuser« und auch die Anderen Figuren von Grieshaber
hindenken? In welchen Zusammenhängen könnten wir sie verstehen? Weisen
seine Figuren nicht oftmals in die Höhe wie z.B. die »Treppenstufen«, die
eigentlich ein Torso sind, oder auch seine schlanken Stelen, die auch als
Außenarbeiten gezeigt werden? Und geht mit dem Eindruck der Schwere nicht auch
ein Eindruck Leichtigkeit oder Bewegung einher, wie beim Gedrückten Haus,
dessen Kanten vor- und zurückzuspringen scheinen? Wie verhält es sich überhaupt
mit den Kanten, sind sie fixierte Linien im Raum (und stellen damit einen
Bezug zur Zeichnung her) oder erscheinen sie nicht eher als eingefangene
Bewegung? Fragen dieser Art sind es, die die Vielschichtigkeit in
Grieshabers Werk beschreiben können und die Phantasie des Betrachters anregen.

Dorothea Ullrich
Volontärin am Museum der Bildenden Künste Leipzig




Copyright © 2004-2009 ARTAe Galerie und Kunstvermittlung, Leipzig, Germany