Schlaf der Musen /Sleep of Muses / Sabine Aichele-Elsner MA/ 2009

Magischer Realismus oder können Zitronen fliegen? / Magic realism or can citrons fly? / Sabine Aichele-Elsner / 2007

Rede zur Ausstellung „5 Jahre Kunstpreis – Europäische Frauenforum“ / Sabine Aichele-Elsner MA/ 2007

Portraits und Allegorien bei Claudia Hauptmann / Sabine Aichele-Elsner MA/ 2004



Zu "Das Fest" und "Die Erschaffung Adams" / Sabine Aichele-Elsner MA/ 2004
 
Das Bild „Das Fest“ entstand während der Zeit, in welcher Claudia Hauptmann
in dem barocken Gutshaus in Lüskow lebte. Ein tatsächlich stattgefundenes Fest
diente in erinnerter Form als Vorlage für „Das Fest“. Das Haus im Hintergrund
ist das Haus, das die Malerin 7- 8 Jahre mit aufgebaut und bewohnt hat. Dort fanden
regelmäßig große Feste statt, welche die barocke Mode, Überschwänglichkeit,
Pathethik und Dramatik aufleben ließen. Die Feste oder auch Maskenbälle bildeten
einen Kontrast zum alltäglichen Leben, das durch den Auf- und Ausbau des barocken
Hauses und somit handwerklicher und körperlich anstrengender Arbeit gekennzeichnet
war. Speziell für die Feste wurden Masken gebastelt, Musikstücke geübt, sich
kostümiert und herausgeputzt. Es gab einen Festablauf und Maître de Plaisir,
der durch das Programm führte. So sind die in „Das Fest“ gemalten Figuren,
Kleider, Gegenstände und Attribute aus der Realität des Festes. Trotzdem
verweisen sie zugleich auf Dahinterliegendes.

Vor der nächtlichen Kulisse des barocken Hauses, in dem ein paar Fenster hell er-
leuchtet sind, rollt sich eine große feiernde Figurengruppe dem Betrachter entgegen,
die dreiviertel des unteren Teiles des Gemäldes ausmacht. Im Vordergrund führt der
Maître de Plaisir mit roten Kopftuch, blauem Umhang und weißem Hemd ins Bild. Der
Betrachter schaut ihm über seine rechte Schulter, die von einer Frau mit weitem und
üppigen Dekollete, welches mit einer fast grell roten Rose geziert wird, angefasst
wird. Diese Frau trägt einen schwarzen Schleier über ihrem Gesicht, worunter
nochmals eine Maske zu sein scheint, was allerdings durch den Schleier nicht
erkennbar ist. Sie trägt ein schwarzes Kleid, unter welchem lediglich ein paar
weiße Rüschen an Handgelenken und Brust hervorblitzen. Der Maître de Plaisir
lässt sich allerdings nicht aus der Ruhe bringen und vollzieht, in der linken
Hand ein volles Rotweinglas haltend, so etwas wie ein Trink- und Feierspruch.
Links vor ihm steht eine maskenlose Frau mit einer Papierhaube, die es tatsächlich
auf dem Lüskower Fest gab. Rein Farblich bildet sie den Gegenpol zur schwarz
verschleierten Frau rechts im Bild. Sie scheinen Allegorien für Gut und Böse,
Hell und Dunkel, ruhig und ungestüm zu sein und sind trotzdem real. Angenommen
die beiden Figuren wären die Sinnbilder für Gut und Böse, Licht und Schatten,
dann zeigt die Malerin sie nebeneinander existierend und sogar zusammen feiernd.
Hinter der weißen Haube ist ein Mann mit grün blauer Jacke zu sehen, der eine
Gitarre und eine Pfauenfeder in der Hand hält. Details wie die Pfauenfeder
sind einerseits wie in der Kunstgeschichte üblich, symbolisch zu deuten und weisen
andererseits auf das wirkliche Leben der Künstlerin hin. Im Garten leben reale Pfauen.
Die Feder ist also einerseits als Hinweis auf die Realität zu sehen, doch ist die
symbolische Bedeutung der Eitelkeit nicht zu vergessen. Die Pfauenfeder als Symbol
für die Eitelkeit ist Claudia Hauptmann besonders wichtig, da sie findet, dass die
Eitelkeit zu unrecht absolut verurteilt wird. „Denn wer einen gewissen Anspruch an
das Leben hat, darf auch mal eitel sein und sich schmücken und feiern.“ Ein blondes
Mädchen in rosa Kleid und rotem Hut steht, die Hand in die Hüfte gestützt, mit
hochgerecktem Kinn, die Augenlieder fast geschlossen, die andere Hand andächtig ans
Herz gelegt, vor dem schwarzen Ritter etwas oberhalb der Mitte des Bildes. Sie kann
als Allegorie der Eitelkeit oder des Stolzes gedeutet werden. Sie hat die Augen
geschlossen, nimmt nichts um sich herum wahr, scheint so auf sich bezogen zu sein
und wirkt stolz, könnte aber auch konzentriert sein. Fest steht, dass sie nicht
wirklich am Fest teilnimmt. Die anderen Figuren sind am Fest beteiligt, im Gespräch,
tanzen, betrachten etwas, machen Musik, tragen Masken um sich zu verstecken, oder
den anderen durch die Maske zu betrachten. Dieses Mädchen aber, trägt keine Maske,
ist nur sich selbst, womit sie grundsätzlich aus der Reihe fällt. Sie hat eine dunkle
Schattenseite und eine vom Mond hell angestrahlte Seite. Sie ist jedoch meines
Erachtens eine der interessantesten Figuren auf dem Gemälde „Das Fest“. Auch
kompositorisch nimmt sie Bezug auf die Hände des Maître de Plaisir. Das Rot ihrer
Kappe korrespondiert mit dem Rotwein und mit der roten Rose im Dekollete der Frau
im Vordergrund. Es ergibt sich eine Dreieckskomposition, die grundsätzlich Spannung
aufbaut und hier die Figuren im Vordergrund mit den hinteren Figuren verbindet. Schräg
vor ihr hält sich ein Mädchen in blauem Kleid eine helle Maske weit vor das Gesicht,
um den schwarzen, gesichtslosen Ritter dadurch zu betrachten. Rechts hinten im Bild
hält eine sonnenmaskierte Person eine verdunkelnde Maske vor das strahlende Vollmond-
gesicht. Der Vollmond und der gegenüberliegende rote Teufel oder Gnom im Geäst unter-
streichen die mystische Stimmung und Atmosphäre des Festes.

Das Bild vermittelt den Gedanken des barocken Gesamtkunstwerkes. Ein gelungenes
Barockfest musste seit ca. Ende des 17. Jahrhunderts eine größtmögliche
Verschmelzung der einzelnen Künste sein. Dichtung, Musik, Schauspielkunst,
Tanz, Aufzüge, Turniere, Feuerwerk und Wasserspiele wurden zu einer dramatischen
Aufführung choreographiert. Die Malerei war nicht mehr nur ein Bild an der Wand,
sondern ganze Decken und Wände wurden mit allegorischen und verweisenden Figuren,
Situationen und Landschaften versehen. Die Feste entwickelten sich zu einer
eigenständigen Institution des geselligen Lebens bei Hofe. Es wurde nicht nur
zu Anlässen wie Hochzeit, Geburtstag, Staatsbesuchen oder Faschingsveranstaltungen
gefeiert. Man maskierte sich auch mehr und mehr außerhalb der Bühne, Perücken
kamen in Mode, Gesichter wurden stark gepudert. Bei diesen Festen gewann
Verkleidung, Rollenspiel und Maskerade an Bedeutung. Das wichtigste Element
des Barocktheaters wurde das Spiel mit Illusion und Desillusionierung.
Die zentrale Aufgabe des Theaters war nicht großartige Kunst hervorzubringen,
sondern größtmöglichste Sinnlichkeit zu erzeugen. Sowohl das Bild als auch
die realen Feste verlebendigen das barocke Fest und können hier leider
nicht bis ins letzte Detail analysiert werden. Es bleibt immer wieder
Neues zu entdecken.

Das Bild „Die Erschaffung Adams III.“ nach welchem die Ausstellung benannt
wurde, zeigt eine nackte Frau die den ersten Mann namens Adam schafft. Durch die
Bezeichnung „Adam“ liegt klar auf der Hand, dass es sich um die biblische und damit
göttliche Erstschöpfung des Menschen an sich geht. Doch vom biblischen Schöpfungsakt
ist nicht mehr viel übriggeblieben. Gott wird aus der ursprünglichen Geschichte
und Handlung völlig ausgeblendet. Stattdessen rückt die schöpferische Frau an die
Stelle Gottes und malt sich den ihren Wünschen entsprechenden Urmann.

Nicht wie in der Freske der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo schöpft Gott den
Mensch – genauer Mann – nach seinem Ebenbild durch den Funke des Fingerberührens,
sondern eine nackte Frau malt sich den ersten Mann namens Adam.
Die Malerin geht ihrer Sehnsucht nach, liebevoll umarmt zu werden und geborgen auf
einem Schoss zu sitzen. Sie hat durch den schöpferischen Akt göttliche Eigenschaften,
die allerdings auf der Ebene der Malerei gilt. Die Malende zieht konzentriert ihre
Augenbraue etwas nach oben, hat ihren Mund leicht geöffnet, was dem Gesicht etwas
Sinnliches verleiht. Sinnlich ist auch der wohlgeformte Körper der Schaffenden.
Die nackenlangen Haare lassen sie allerdings wieder etwas burschikos erscheinen.
Wir bekommen also eine höchst sinnliche, aktiv arbeitende und im wahrsten Sinne
des Wortes kreative – also eine Kreatur schaffendene – Frau präsentiert. Adam legt
schützend den Arm um sie und hat im ersten Moment noch die Augen geschlossen.
Doch schaut man genauer, dann sieht man, dass sein linkes Auge aus dem Bild zum
Betrachter führt. Sein rechtes Auge wird entweder gerade gemalt, was am nahe
liegendsten ist, oder sie verdeckt mit dem Pinsel sein Auge. Man könnte in der
Interpretation dieser Situation auch weiter gehen und sagen, dass der Pinsel das
Auge der Malerin sei!

Malerei als Blick nach außen in die Welt. Claudia Hauptmann scheint zu sagen, dass
in der Malerei alles geht. Menschen können geschaffen werden. Der Akt des Malens
ist ein göttlicher. Durch das Malen wird ein Mensch geschaffen, ein Mensch, wie
ihn Claudia Hauptmann sieht. Innerhalb der Malerei werden Welten geschaffen, in
die uns die Künstler jeweils hineinführen.

Sabine Aichele-Elsner MA, Leipzig



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