Zu "Das Fest" und "Die Erschaffung Adams" / Sabine Aichele-Elsner MA/ 2004 |
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Das Bild „Das Fest“ entstand während der Zeit, in welcher Claudia Hauptmann in dem barocken Gutshaus in Lüskow lebte. Ein tatsächlich stattgefundenes Fest diente in erinnerter Form als Vorlage für „Das Fest“. Das Haus im Hintergrund ist das Haus, das die Malerin 7- 8 Jahre mit aufgebaut und bewohnt hat. Dort fanden regelmäßig große Feste statt, welche die barocke Mode, Überschwänglichkeit, Pathethik und Dramatik aufleben ließen. Die Feste oder auch Maskenbälle bildeten einen Kontrast zum alltäglichen Leben, das durch den Auf- und Ausbau des barocken Hauses und somit handwerklicher und körperlich anstrengender Arbeit gekennzeichnet war. Speziell für die Feste wurden Masken gebastelt, Musikstücke geübt, sich kostümiert und herausgeputzt. Es gab einen Festablauf und Maître de Plaisir, der durch das Programm führte. So sind die in „Das Fest“ gemalten Figuren, Kleider, Gegenstände und Attribute aus der Realität des Festes. Trotzdem verweisen sie zugleich auf Dahinterliegendes. Vor der nächtlichen Kulisse des barocken Hauses, in dem ein paar Fenster hell er- leuchtet sind, rollt sich eine große feiernde Figurengruppe dem Betrachter entgegen, die dreiviertel des unteren Teiles des Gemäldes ausmacht. Im Vordergrund führt der Maître de Plaisir mit roten Kopftuch, blauem Umhang und weißem Hemd ins Bild. Der Betrachter schaut ihm über seine rechte Schulter, die von einer Frau mit weitem und üppigen Dekollete, welches mit einer fast grell roten Rose geziert wird, angefasst wird. Diese Frau trägt einen schwarzen Schleier über ihrem Gesicht, worunter nochmals eine Maske zu sein scheint, was allerdings durch den Schleier nicht erkennbar ist. Sie trägt ein schwarzes Kleid, unter welchem lediglich ein paar weiße Rüschen an Handgelenken und Brust hervorblitzen. Der Maître de Plaisir lässt sich allerdings nicht aus der Ruhe bringen und vollzieht, in der linken Hand ein volles Rotweinglas haltend, so etwas wie ein Trink- und Feierspruch. Links vor ihm steht eine maskenlose Frau mit einer Papierhaube, die es tatsächlich auf dem Lüskower Fest gab. Rein Farblich bildet sie den Gegenpol zur schwarz verschleierten Frau rechts im Bild. Sie scheinen Allegorien für Gut und Böse, Hell und Dunkel, ruhig und ungestüm zu sein und sind trotzdem real. Angenommen die beiden Figuren wären die Sinnbilder für Gut und Böse, Licht und Schatten, dann zeigt die Malerin sie nebeneinander existierend und sogar zusammen feiernd. Hinter der weißen Haube ist ein Mann mit grün blauer Jacke zu sehen, der eine Gitarre und eine Pfauenfeder in der Hand hält. Details wie die Pfauenfeder sind einerseits wie in der Kunstgeschichte üblich, symbolisch zu deuten und weisen andererseits auf das wirkliche Leben der Künstlerin hin. Im Garten leben reale Pfauen. Die Feder ist also einerseits als Hinweis auf die Realität zu sehen, doch ist die symbolische Bedeutung der Eitelkeit nicht zu vergessen. Die Pfauenfeder als Symbol für die Eitelkeit ist Claudia Hauptmann besonders wichtig, da sie findet, dass die Eitelkeit zu unrecht absolut verurteilt wird. „Denn wer einen gewissen Anspruch an das Leben hat, darf auch mal eitel sein und sich schmücken und feiern.“ Ein blondes Mädchen in rosa Kleid und rotem Hut steht, die Hand in die Hüfte gestützt, mit hochgerecktem Kinn, die Augenlieder fast geschlossen, die andere Hand andächtig ans Herz gelegt, vor dem schwarzen Ritter etwas oberhalb der Mitte des Bildes. Sie kann als Allegorie der Eitelkeit oder des Stolzes gedeutet werden. Sie hat die Augen geschlossen, nimmt nichts um sich herum wahr, scheint so auf sich bezogen zu sein und wirkt stolz, könnte aber auch konzentriert sein. Fest steht, dass sie nicht wirklich am Fest teilnimmt. Die anderen Figuren sind am Fest beteiligt, im Gespräch, tanzen, betrachten etwas, machen Musik, tragen Masken um sich zu verstecken, oder den anderen durch die Maske zu betrachten. Dieses Mädchen aber, trägt keine Maske, ist nur sich selbst, womit sie grundsätzlich aus der Reihe fällt. Sie hat eine dunkle Schattenseite und eine vom Mond hell angestrahlte Seite. Sie ist jedoch meines Erachtens eine der interessantesten Figuren auf dem Gemälde „Das Fest“. Auch kompositorisch nimmt sie Bezug auf die Hände des Maître de Plaisir. Das Rot ihrer Kappe korrespondiert mit dem Rotwein und mit der roten Rose im Dekollete der Frau im Vordergrund. Es ergibt sich eine Dreieckskomposition, die grundsätzlich Spannung aufbaut und hier die Figuren im Vordergrund mit den hinteren Figuren verbindet. Schräg vor ihr hält sich ein Mädchen in blauem Kleid eine helle Maske weit vor das Gesicht, um den schwarzen, gesichtslosen Ritter dadurch zu betrachten. Rechts hinten im Bild hält eine sonnenmaskierte Person eine verdunkelnde Maske vor das strahlende Vollmond- gesicht. Der Vollmond und der gegenüberliegende rote Teufel oder Gnom im Geäst unter- streichen die mystische Stimmung und Atmosphäre des Festes. Das Bild vermittelt den Gedanken des barocken Gesamtkunstwerkes. Ein gelungenes Barockfest musste seit ca. Ende des 17. Jahrhunderts eine größtmögliche Verschmelzung der einzelnen Künste sein. Dichtung, Musik, Schauspielkunst, Tanz, Aufzüge, Turniere, Feuerwerk und Wasserspiele wurden zu einer dramatischen Aufführung choreographiert. Die Malerei war nicht mehr nur ein Bild an der Wand, sondern ganze Decken und Wände wurden mit allegorischen und verweisenden Figuren, Situationen und Landschaften versehen. Die Feste entwickelten sich zu einer eigenständigen Institution des geselligen Lebens bei Hofe. Es wurde nicht nur zu Anlässen wie Hochzeit, Geburtstag, Staatsbesuchen oder Faschingsveranstaltungen gefeiert. Man maskierte sich auch mehr und mehr außerhalb der Bühne, Perücken kamen in Mode, Gesichter wurden stark gepudert. Bei diesen Festen gewann Verkleidung, Rollenspiel und Maskerade an Bedeutung. Das wichtigste Element des Barocktheaters wurde das Spiel mit Illusion und Desillusionierung. Die zentrale Aufgabe des Theaters war nicht großartige Kunst hervorzubringen, sondern größtmöglichste Sinnlichkeit zu erzeugen. Sowohl das Bild als auch die realen Feste verlebendigen das barocke Fest und können hier leider nicht bis ins letzte Detail analysiert werden. Es bleibt immer wieder Neues zu entdecken. Das Bild „Die Erschaffung Adams III.“ nach welchem die Ausstellung benannt wurde, zeigt eine nackte Frau die den ersten Mann namens Adam schafft. Durch die Bezeichnung „Adam“ liegt klar auf der Hand, dass es sich um die biblische und damit göttliche Erstschöpfung des Menschen an sich geht. Doch vom biblischen Schöpfungsakt ist nicht mehr viel übriggeblieben. Gott wird aus der ursprünglichen Geschichte und Handlung völlig ausgeblendet. Stattdessen rückt die schöpferische Frau an die Stelle Gottes und malt sich den ihren Wünschen entsprechenden Urmann. Nicht wie in der Freske der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo schöpft Gott den Mensch – genauer Mann – nach seinem Ebenbild durch den Funke des Fingerberührens, sondern eine nackte Frau malt sich den ersten Mann namens Adam. Die Malerin geht ihrer Sehnsucht nach, liebevoll umarmt zu werden und geborgen auf einem Schoss zu sitzen. Sie hat durch den schöpferischen Akt göttliche Eigenschaften, die allerdings auf der Ebene der Malerei gilt. Die Malende zieht konzentriert ihre Augenbraue etwas nach oben, hat ihren Mund leicht geöffnet, was dem Gesicht etwas Sinnliches verleiht. Sinnlich ist auch der wohlgeformte Körper der Schaffenden. Die nackenlangen Haare lassen sie allerdings wieder etwas burschikos erscheinen. Wir bekommen also eine höchst sinnliche, aktiv arbeitende und im wahrsten Sinne des Wortes kreative – also eine Kreatur schaffendene – Frau präsentiert. Adam legt schützend den Arm um sie und hat im ersten Moment noch die Augen geschlossen. Doch schaut man genauer, dann sieht man, dass sein linkes Auge aus dem Bild zum Betrachter führt. Sein rechtes Auge wird entweder gerade gemalt, was am nahe liegendsten ist, oder sie verdeckt mit dem Pinsel sein Auge. Man könnte in der Interpretation dieser Situation auch weiter gehen und sagen, dass der Pinsel das Auge der Malerin sei! Malerei als Blick nach außen in die Welt. Claudia Hauptmann scheint zu sagen, dass in der Malerei alles geht. Menschen können geschaffen werden. Der Akt des Malens ist ein göttlicher. Durch das Malen wird ein Mensch geschaffen, ein Mensch, wie ihn Claudia Hauptmann sieht. Innerhalb der Malerei werden Welten geschaffen, in die uns die Künstler jeweils hineinführen. Sabine Aichele-Elsner MA, Leipzig |