Aus der Luft gegriffen / Out of Thin Air / Sabine Aichele-Elsner / 2008

Transformation als Erkenntnis - das Sichtbare hinter den Dingen / Erik Buchheister / 2007

statements / Alexandra Karrasch / 2006/07

Konkrete Kunst oder verborgene Poesie? / Sabine Aichele-Elsner MA / 2007

Rede zur Eröffnung / Detlef Mallwitz / 2007
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  "...„Dort und damals fand ich ihre Ähnlichkeit“ (J.B.)

Dort - bestimmt für J.B., der diese Aussage trifft, unbestimmt für uns
der Ort, den er meinen könnte, aber die Ahnung, dass es sich um eine
präzise Feststellung handelt. Damals - bestimmt für J.B., der diese
Aussage trifft, unbestimmt für uns die Zeit, die er meinen könnte,
aber die Ahnung, dass es sich um eine präzise Feststellung handelt.

Ähnlichkeit - Schwammig für uns, schwammig und sicher zugleich die
Ähnlichkeit, die in John Berger bei diesem Zitat aufsteigt. Unscharf
in der Assoziation, aber glasklar in der Zuordnung – wie oft erleben
wir dieses Phänomen, ohne dass wir vermögen, es in Worte zu kleiden.
Und doch gründet ein großer, wenn nicht der allergrößte Teil unseres
Begreifens und Zuordnens auf diesem Urgrund, eine Art Morast, auf den
wir unsere Gedankengebäude und –konstrukte gründen, allein aus dem
fiktiven Gefühl einer Sicherheit heraus, die wir uns für gewöhnlich
scheuen zu hinterfragen. Was, wenn wir im Bodenlosen landen, keinen
Halt mehr finden, Angst vor´m Versinken haben und lieber unsere
Brücken wieder und wieder streichen, ohne genau hinschauen zu wollen,
ja zu wagen, wie es da drunten zugeht.

Diesen beängstigenden Prozess umzukehren, ihn sich künstlerisch zu
Nutze zu machen, mit dem Ungefähren, Unscharfen ahnungsweise zu verhandeln,
es in Balance zu halten und sich ihm immer wieder zu nähern, ohne selbst
die Balance zu verlieren ist das Geheimnis eines künstlerischen Zugangs
zu den Dingen. Und gerade in einer von der politisch nutzbaren Wissenschaft
und ihren vermeintlich meßbaren Sicherheiten dominierten Zeit, in der das
Mögliche, doch unwägbare wie ein Klimawandel in meßbare Werte verwandelt
wird aber auch hier gibt es Grenzbereiche, wie wir gleich sehen werden:
Die Ähnlichkeitstheorie ist „eine moderne Theorie zur methodischen Auf-
findung und Untersuchung von Vorgängen in theoretisch schwer oder gar
nicht zu beherrschenden physikalischen Teilgebieten, wobei die wichtigsten
Hilfsmittel der Ähnlichkeit gewisse dimensionslose Zahlen (sic!) sind
(Brockhaus 1952). Hier beginnt das Eintauchen in den oben angedeuteten
Morast.
In einem so komplexen Bereich wie der menschlichen Gesundheit arbeitet
Samuel Hahnemann mit seiner Homöopathie und stellt 1797 das Ähnlichkeits-
gesetz auf: Similia similibus curentur. Ähnliches lässt sich mit
Ähnlichem heilen. Simulieren bedeutet für uns heute: heucheln, vortäuschen,
vorgeben. Im alten Sinne des Wortes sind wir jedoch wieder auf dem richtigen
Pfad: grübeln, nachdenken. Das Ähnlichstellen von innerlich empfundenem
Ähnlichen: ein philosophisches oder künstlerisches Experiment durch das
Nebeneinanderstellen, gleichermaßen das innere Abgleichen von Materie
und Bild und damit zugeordneter Bedeutung.

Übertragen auf das Wahrnehmen und Handeln von Alexandra Karrasch:
Flügelstaub von Schmetterlingen


Das Potential des Materials, anorganisch oder organisch, gilt es auszuloten.
Es ist also etwas da, in Ahnung gewissermaßen, das sich beim Arbeiten, oder
Machen, erst herausstellt. Die Künstlerin sammelt Materialien, bevor sie
weiß, was in ihnen steckt. Es kann Jahre liegen bleiben und urplötzlich
erinnert sie sich an etwas, was man mit Ähnlichkeit im übertragenen Sinne
übersetzen kann, als würden zwei innere Schablonen plötzlich übereinander
passen und den Funken auslösen, aus dessen explosiver Dynamik ein neues
Werk entsteht. Es entsteht eine neue Arbeit deren Sein schon Teil des
großen Archivs ist, deren Bilder aber so noch nicht vorhanden gewesen
sind. Sie lebt in ihrer Arbeit in einem Kosmos „... in dem das Sichtbare
sichtbar wird, noch bevor das gesehene Ding einen Namen oder einen Wert
erhält“ (J.B.)

Wir haben es mal als Kunststoffe bezeichnet, was dabei herauskommt, obwohl
der Begriff Kunststoff mit unauslöschlichen Bildern und Vorprägungen besetzt
ist und deswegen beim oberflächlichen Auftauchen in die Irre führt. Wir müssen
uns also ein wenig in die Welt der Künstlerin hineinbemühen, in der Wahrnehmung
für sie „eine detektivische Lust ist“, die sie „von Augustinus gelernt haben
könnte, der im 12. Buch seiner Bekenntnisse von der Weigerung seines Verstandes
berichtet, hierüber meinen Geist zu befragen“

Kunst ist wie das Universum eine sich ausdehnende Zone, durch die unsere Sehge-
wohnheiten und Erfahrungen mit ausgedehnt werden. Die Künstler tun es für uns
und wir können durch unsere Freude an der Auseinandersetzung mit ihnen nur
lernen. Auch und gerade in diesem schwammig-unscharfen Bereich, den wir gerne
ausblenden. Aus gutem Grund, wenn John Berger über Michelangelo Antonioni
schreiben kann: „…als läge das, was ihn wirklich interessiert, immer neben
dem Gezeigten“. Ich denke, Paul Celan überbrückt genial diese Kluft zwischen
dem sich ausdehnenden Universum über uns und dem blubbernden Morast unter uns,
in dem er in einem seiner unvergleichlichen Gedichte schreibt:

Eingeschossen

in die Smaragdbahn,

Larvenschlupf, Sternschlupf, mit allen

Kielen

such ich dich,

Ungrund.

Schönheit

„Wenn wir nichts Schönes entdecken werden wir zumindest etwas Neues entdecken“ (Voltaire)
Wie wir gesehen haben ist Alexandra Karrasch eine große Entdeckerin von
Qualitäten in Materialien, die sie sammelt, die jahrelang unangetastet im
Atelier verbringen können, bis der plötzlich einsetzende, zu dem Zeitpunkt
dann vollkommen selbstverständliche und auf die vor ihr liegende Zeit bezogene
arbeitsintensive Umwandlungsprozess beginnen kann: Neugier, Wachheit und
prinzipielle Offenheit, die die Dinge nicht sofort zuordnet, sondern erst
als Phänomene wahrnimmt und innerlich über einen manchmal unerträglich langen
Zeitraum pendelt, bevor sie ihrer Bestimmung zugeführt werden. Sowohl organisches
Material als auch Halbzeug, also industriell gefertigte Vorprodukte, bieten
ungeahnte Interpretationsmöglichkeiten. Auch handwerkliche Arbeitsprozesse
sind auf unterschiedliche Weise interpretierbar und werden von ihr zur Schaffung
von Kunst „zweckentfremdet“. In zunächst experimentellen Versuchen beginnt die
Erweckung des Materials und seine Verwandlung. Hierbei handelt es sich um immer
wieder neu entdeckte chemisch-physikalische Prozesse, die in manchen Arbeiten
fast alchemisch zu nennende Umwandlungen erfahren.
Das Fremde und Bekannte zugleich, das die Arbeiten von Alexandra Karrasch
ausstrahlen, führt bei ihrem Anblick zu einer Art Stutzen, einem Augenblick
des Wachwerdens und damit der Erweiterung des individuellen Katalogs des
bereits Bekannten. Dieser Moment ist vergleichbar mit dem Moment der Begegnung
mit außerordentlicher Schönheit; einem Augenblick der Erweckung, der Anregung,
einer Art lichten Augenblicks: kurz, ein kostbarer Moment der Gegenwart,
unerwartet, ein Geschenk, wertvoll in der Erinnerung.
Und wir sehen hier Arbeiten von außerordentlicher Schönheit, fast beängstigend
schön, spricht Schönheit doch eine Sehnsucht nach einer persönlichen Verheißung
an, die wir kaum zuzulassen wagen. Diese Schönheit ruft paradoxer Weise Abwehr
hervor. Lassen wir das zu und loten aus, wie wir uns fühlen. Unsere Beschäftigung
mit unseren inneren Bewegungen parallel oder ausgelöst durch äußere Wahrnehmung
ist nicht nur amüsant sondern auch sehr lehrreich. Die Gefühle der Hingezogenheit
oder der Abwehr sind allemal besser als das kalt gelassen sein von etwas, beweisen
sie uns doch, dass wir leben. ..."

Detlef Mallwitz, Berlin 09.05.2007




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